(Project Management) 04. Oktober 2011 um 10:01 Uhr

Facebook Timeline: Schwamm drüber

Die neue Facebook Timeline

So sieht die neue Profilseite eines Users aus (Quelle: facebook.com)

Da stand er nun. Lockeres Outfit wie immer, tiefste Überzeugung ausstrahlend und allein vor einer riesigen Video Wall.  Nein, ich spreche nicht von Steve Jobs, der diesen Standard von Produktpräsentationen ins Leben gerufen und unverzichtbar gemacht hat, sondern von Mark Zuckerberg, der seine Schar an Jüngern zur F8, der Facebook Entwicklerkonferenz zusammengerufen hatte.

Und er hatte eine Sensation im Gepäck: Die Facebook Timeline!

Die Timeline ist ein chronologisches Archiv, indem jedes Foto, jeder Kommentar, jedes Sandwich und jeder Kinofilm und auch sonst alles was wir so erleben erfasst sein wird. Alles soll sich in Facebook abspielen, es soll unser Leben bestimmen und aufzeichnen. Ein einfacher Klick auf „Logout“ wird Facebook nicht mehr daran hindern unsere Daten weiter zu sammeln, dafür haben die Programmierer und Strategen aus Palo Alto gesorgt.

Die Keynote von Zuckerberg war der Startschuss für Auf- und zu vielerorts auch Jubelschreie quer durch den Blätterwald. Alle schrieben sie darüber, die WELT, die Bild, der Spiegel und nahezu alle Technik Blogs, die einen Anspruch auf Aktualität erheben.

Die Meinungen über die Neuigkeiten vom Social Media Giganten reichen mittlerweile von großer Begeisterung über das neue Design, die Features und die Benutzerfreundlichkeit der neuen Oberfläche, bis hin zur blanken Entrüstung über Datenschutz- und Copyrightverletzungen. So warnen nicht wenige Experten vor der neuen (und alten) Datensammelwut von Facebook und raten sogar, sich so schnell wie möglich vom großen, sozialen Netzwerk zu verabschieden und seine Daten zu löschen.

Einige haben dies schon versucht, da auch sie die Entwicklungen bei Facebook für extrem gefährlich und inakzeptabel halten und sind dabei auf erheblichen Widerstand seitens Facebook gestoßen. So machte ein Student aus Österreich von seinem Recht Gebrauch, seine gesamten Daten von Facebook einzufordern. Nachdem Facebook dies für Teile der Daten verweigerte, scheint nun nicht nur ein Rechtsstreit zu entfachen, es haben sich auch etliche Nachahmer gefunden, die ihre Daten bei Facebook einfordern und mittlerweile Facebook verklagt haben.   

In Dublin, wo der europäische Hauptsitz von Facebook beheimatet ist, wird somit ein Verfahren um einen Fall geführt, der für Facebook und seine User von extremer Wichtigkeit werden könnte. Kann es sich Facebook auf Dauer erlauben die Belange und Wünsche der User und zum Teil auch die lokalen Gesetze zu ignorieren? Man darf gespannt sein.

Und die Politik? An der geht der ganze Spuk vorbei. Es scheint, als würden die meisten Politiker am liebsten Facebook, Twitter und Co. gleich ganz verbieten. Nicht weil sie es nicht für nützlich halten wenn mal gerade wieder Wahlkampf und somit auch Bürgernähe angesagt ist, sondern eher weil die damit verbundene Konfrontation mit einer neuen Kommunikationskultur stets mit dem gefährlichen Kontrollverlust und Datenschutzverletzungen in Verbindung gebracht wird.

Also wer hilft? Die großen Technologieunternehmen sind um einiges schneller als Politik und Gesetzesverabschiedungen. Der Aufschrei ist jedes Mal immens, wenn ein Datenleck aufgedeckt wird. Da sammelt Apple ohne Erlaubnis die Bewegungsdaten von iPhone Nutzern, Amazon wird mit dem neuen Silkbrowser jeden Klick des Nutzers aufzeichnen und bei Google haben wir uns schon daran gewöhnt, dass ein detailliertes Datenprofil von uns gespeichert ist.

Aber auch wenn Facebook, Apple und Google bereits jetzt fester Bestandteil von populären Medien wie der Tagesschau und der Titelblätter von großen Tageszeitungen sind, dauern diese Entrüstungen doch meist nur ein paar Tage. Es ist einfach ein Stück weit zur Normalität geworden.

Interessant wäre eine Studie, die auf subtile Art und Weise herausfindet, ob sich die Facebook Nutzer der Tragweite bewusst sind, von dem, was sie von sich preis geben und inwieweit sie das überhaupt interessiert. Wird diese ganze Diskussion um den Datenschutz letztendlich fast ausschließlich von technikaffinen Powerusern und Politikern, die sich von genau diesen Berufsgruppen beraten lassen, geführt? Die Diskussion muss geführt werden, das ist keine Frage. Aber die Komplexität und Tragweite dieser Thematik spielt den genannten Unternehmen ohne Zweifel in die Karten.

Dies führt uns als Paradebeispiel wieder zur neuen Timeline von Facebook zurück. Die Timeline wird die Facebook Nutzer erfreuen: Noch mehr Informationen, noch mehr Fotos und noch mehr Selbstdarstellung. Und auch wenn eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Facebook Nutzern die Protestwelle gegen die Datensammlung von Facebook registrieren und vielleicht auch unterstützen wird: Die neuen Möglichkeiten und Designelemente werden die meisten über die Herausgabe ihrer Daten hinwegtrösten.

Die Anzahl von neuen Facebook Anmeldungen und vor allem die Verweildauer jedes einzelnen werden durch die Neuerungen wohl weiter steigen und auch wenn mir ein wenig graut vor der Zentralisierung von Daten und Macht im Internet, so habe ich doch ohne es zu merken fast eine halbe Stunde damit verbracht in meiner Timeline zu stöbern und in Facebook Erinnerungen zu schwelgen.



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